1999

Birma wird noch viele Jahre da sein, also besuchen Sie uns später. Uns jetzt zu besuchen würde bedeuten, das Regime gutzuheißen.- Aung San Suu Kyi

2010

Wir wollen, dass Menschen nach Birma kommen, nicht um der Junta zu helfen, sondern um den Menschen hier zu helfen, indem sie die Lage zu verstehen lernen: politisch, wirtschaftlich, moralisch – alles.- U Win Tin, Sprecher der NLD
 

Wo liegt das Problem bei Reisen nach Myanmar?

In Myanmar (Birma) Urlaub zu machen ist nicht einfach wie Urlaub in Italien oder Thailand. Verantwortungsvolles Reisen ist zwar überall relevant, sogar wenn Sie im eigenen Land verreisen – aber Ihre Entscheidung, ob Sie nach Myanmar reisen oder nicht (und falls Sie reisen: wie Sie es machen), stellt weit tiefgreifendere ethische Fragen als bei vielen anderen Zielen.

Finanzierung von Ungerechtigkeit

Ein erheblicher Anteil des Staatshaushalts von Myanmar endet in den Händen der Armee, während nur ein geringer Prozentsatz für Erziehung und Gesundheitsfürsorge ausgegeben wird. Myanmar trägt den “Fluch” reicher Naturschätze, die einer kleinen Elite ein relativ gutes Leben vor allem durch die Rohstoffindustrie erlaubt, ohne jedoch auf eine gut ausgebildete und gesunde Bevölkerung angewiesen sein zu müssen. Neben diesen Einnahmequellen wurde immer auch der Tourismus als weitere Quelle genutzt.airplane and bag Die Junta erklärte das Jahr 1996 zum “Visit Myanmar Year”. Es zog jedoch weit weniger Touristen an als erhofft. Der Zeitung The Irrawaddy zufolge stiegen die Besucherzahlen von 2009 auf 2010, als 300.000 Leute Myanmar besuchten, um 33%. Vergleichen Sie dies mit über 15 Millionen Besuchern pro Jahr in Thailand.

Es ist unvermeidbar, dass jeder Reisende das Regime durch Visagebühren und unwissentlich durch andere Kosten finanziert. Was aber noch schwerer wiegt, ist die Tatsache, dass die Infrastruktur und touristische Angebote oft unter erheblichen Menschenrechtsverletzungen errichtet wurden.

Unterstützung der Menschen

Auf der anderen Seite gibt es verschiedene Argumente, die zugunsten des Reisens nach Myanmar sprechen. Vor allem kann Tourismus die Bevölkerung am wirtschaftlichen Aufschwung teilhaben lassen, er kann den Austausch von Informationen, Qualifikationen und Menschen in beide Richtungen über die Grenzen fördern. Tourismus kann auch eine symbolische Unterstützung darstellen, die den Birmanen zeigt, dass man sie nicht vergessen hat und dass der Kontakt mit der Außenwelt kein Vorrecht der Reichen, Mächtigen und Rücksichtslosen sein muss.

Myanmars ethnische Gruppen

Eines der zentralen Probleme Myanmars liegt im konfliktträchtigen Zusammenleben der ethnischen Gruppen. Myanmars Bevölkerung setzt sich aus etwa 130 ethnischen Gruppen zusammen (und wenn wir “Birmanen” oder “Myanmar” schreiben, dann meinen wir alle). Seit den Kolonialzeiten bis hin über spätere Epochen haben Myanmars Herrscher nicht genug dafür getan, um allen gleiche Rechte und genügende Autonomie zu gewährleisten. Diskriminierung und Menschenrechtsverletzungen auf Grund ethnischer Herkunft sind immer noch an der Tagesordnung, und in einigen Regionen geht die Armee gezielt gegen zivile Angehörige ethnischer Minderheiten vor. Auch wenn Tourismus und ausländische Investitionen theoretisch in den zentral gelegenen Gebieten Myanmars ihren Zauber entfalten können und der Wohlstand bis in diejenigen Bevölkerungsteile durchsickern kann, denen der Zugang ermöglicht wird, so scheinen die ethnischen Gruppen entlang der Landesgrenzen einmal mehr den Kürzeren zu ziehen. Alle Bemühungen, die den Menschen in Myanmar helfen und ihre Position stärken wollen, müssen dieses Problem berücksichtigen. Myanmar wird niemals eine stabile Demokratie sein, wenn es nicht allen seinen Bewohnern Freiheit, Schutz und materielle Sicherheit bieten kann.

Myanmars Migranten

Burmese refugees in Thailand. Author: Rusty StewartWenn wir über die Folgen des Tourismus auf die Menschen in Myanmar sprechen, dann dürfen wir nicht die Millionen von Birmanen vergessen, die ihr Land verlassen mussten. Die meisten leben unter erschreckenden Bedingungen in Thailand, Indien, Bangladesh und Malaysen. Nur ein kleiner Teil von denen, die das Land verlassen haben, sind anerkannte Flüchtlinge, da Myanmars Nachbarn nicht die Genfer Flüchtlingskonvention unterzeichnet haben. Zudem gibt es geschätzte 500.000 Binnenvertriebene (Internally Displaced People, IDP), die in ihrem eigenen Land leben, aber aus ihrem Zuhause vertrieben wurden. Auch sie würden nicht automatisch von einem höheren Zustrom von Devisen ins Land profitieren. Wir hoffen allerdings, dass eine steigende Anzahl von Ausländern, die mit kritischem Blick die Situation in Myanmar beobachten, die Regierung davon abhalten wird, diese Probleme zu verbergen und herunterzuspielen. Wenn wir den Menschen aus Myanmar helfen wollen, so können wir sicher nicht die Migranten ignorieren.

Weitere Probleme

Myanmar ist bekannt für politische Gefangene und die Gängelung von Medien (selbst nachdem die Vorabzensur aufgehoben wurde). Es gibt verschiedene Probleme, die nicht direkt mit Tourismus zusammenhängen, aber wo Tourismus die herrschenden Kreise unterstützen und somit die Problemlagen verfestigen kann. Andererseits kann Tourismus zu einer Öffnung führen, die die Herrschenden zu mehr Transparenz zwingt. Wir sind uns darüber im Klaren, dass es immer ein gewisses Maß an Unsicherheit geben wird, welchen Einfluss Tourismus letztendlich ausüben wird. Wir glauben jedoch, dass nach einem halben Jahrhundert autoritärer Regierungen in Myanmar verantwortungsvoller Tourismus einen Versuch wert ist.

In den Geschichten behandelte Problemgebiete

Zwangsarbeit

Zwangsarbeit für ungenügende oder gar keine Entlohnung ist in Myanmar gängige Praxis. Menschen müssen Straßen reparieren, Zäune um Dörfer bauen, sie werden vom Militär als Lastenträger eingesetzt und riskieren ihr Leben als lebende Minenräumer. 2006 erhielt die Aktivistin Su Su Nway den Freedom Prize für ihre Arbeit. Obwohl sie mutig genug war, um die Behörden wegen Zwangsarbeit gerichtlich zu belangen und sogar den Prozess gewann, dauerte es nicht lange bis das Regime Vergeltung übte. Su Su Nway wurde dafür eingesperrt, dass sie angeblich die Behörden bedroht und beschimpft habe.

In einigen Fällen besteht ein direkter Zusammenhang zwischen Tourismus und Zwangsarbeit. In Mandalay etwa musste jede Familie mindestens drei Tage pro Monat an unbezahlter Arbeit beitragen.

Staatlich sanktionierte Zwangsarbeit hat wiederholt die Kritik der International Labour Organization auf sich gezogen:

Die Verwendung von Zwangsarbeit durch das Militär und durch andere Regierungsvertreter offenbar für Entwicklungsprojekte, hat zu einer besonderen Problemlage geführt, die auch Myanmar mit einschließt. In einer in ihrer 80-jährigen Geschichte einmaligen Entscheidung sind die ILO-Organe gemäß Artikel 33 ihrer Verfassung aktiv geworden. Unter anderem wurde der Aufruf an die ILO-Mitgliedsstaaten, an Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen und andere internationale Organisationen gerichtet, ihre Beziehungen zu diesem Land neu zu bewerten.- Stopping Forced Labour (2001)

Geschichten über Zwangsarbeit

Kinderarbeit

Die Anzahl von Kindern, die für ihren Lebensunterhalt arbeiten, mag in Myanmar bis in die Hunderttausende reichen. Kinder werden Erwachsenen unter anderem deshalb vorgezogen, weil sie als weniger anspruchsvoll gelten. Eine besonders abstoßendes Form von Kinderarbeit ist der Einsatz von Kindersoldaten. Myanmar ist berüchtigt für seine Kindersoldaten.

Geschichten über Kinderarbeit

Umweltzerstörung

Gewinnsucht, Armut und mangelndes Problembewusstsein der Bevölkerung in Myanmar begünstigen einen kurzsichtigen Umgang mit der Natur. Zu nennen sind vor allem die Abholzung von Wäldern (v.a. Teak), die Nutzung von urbarem Land durch ungeeignete Pflanzen wie Jatropha, die Errichtung von Freizeiteinrichtungen wie Golfplätzen, Abfallerzeugung oder, als indirekter Faktor, die Energieverschwendung im Verkehr und durch Klimaanlagen. Spezielle Probleme verursachen Myanmars Gewinnung und Transport von Bodenschätzen wie Gas und Wasserkraftwerke.

Wichtig ist hier, dass auch Tourismus als eine der Ursachen für Umweltprobleme bekannt ist. Trotz einiger öffentlichkeitswirksamer Maßnahmen wie etwa der Errichtung eines Reservats für Tiger genießt der Umweltschutz in Myanmar nur eine geringe Priorität. Zugegebenermaßen sind große Teile der Bevölkerung mit ernsteren Sorgen des Überlebens beschäftigt. Dies entschuldigt jedoch nicht ausländische Touristen, und zudem sind viele Birmanen von der Umwelt abhängig (z.B. in der Nahrungsbeschaffung oder im Schutz vor Naturkatastrophen).

Geschichten über Umweltprobleme

Zwangsumsiedlung

Myanmars Krieg gegen ethnische Gruppen und seine Wasserkraftwerke sind berüchtigt dafür, dass sie zu Vertreibung und Zwangsumsiedlung führen, was geschätzte 500.000 Binnenflüchtlinge (Internally Displaced Persons) – oder fast 1% der Gesamtbevölkerung – zur Folge hat. Dörfer wurden geschliffen, um die archäologische Stätte Pagan/Bagan herzurichten und Hotels zu bauen.

Geschichten über Zwangsumsiedlung

Korruption

Im Bestechlichkeitsindex (Corruption Perception Index, 2011) von Transparency International rangiert Myanmar auf dem zweitletzten Platz, unterboten nur noch von Nordkorea und Somalia. Tourismus ist als herausragende Quelle ausländischer Devisen sicher keine Branche, die davon unberührt bleibt.

Geschichten über Korruption

Stand der Informationen Maj 2011, falls nicht anders angegeben. Fotos: Wikipedia, Rusty Stewart, The Irrawaddy; Icon: Babasse